„ALMA“

Berührbarkeit als Formprinzip
Wilhem Bühse
06.2025 - BENTHACK STIFTUNG

Spürbare Seele & Geist

ALMA – der lateinische Begriff für Seele, Geist – wird im plastischen Kontext nicht bloß als metaphysische Idee aufgefasst, sondern als materielle Realität der Berührbarkeit, als existenzielle Bewegung, die sich in die Oberfläche der Form einschreibt. Sie ist eine skulpturale Praxis des Atmens, ein oszillierender Zustand zwischen dem Sichtbaren und dem Spürbaren, zwischen der Form und ihrer ständigen Infragestellung durch das Leben selbst.

Eine Kontaktzone die antwortet

Die Oberfläche des Werkes ist keine neutrale Trägerschicht, kein passiver Abschluss der Form, sondern vielmehr das eigentliche Terrain der Erfahrung. Sie erinnert an Haut – nicht in mimetischer Absicht, sondern in ihrer physiologischen, sensorischen, verletzlichen und erinnernden Qualität. Haut als Kontaktzone, als Speicher und Resonanzraum. Eine Oberfläche, die antwortet.

Zuneigung und Begehren

Hier setzt ALMA als Gestaltungsprinzip an: Die Form will berührt werden. Sie lädt zur Haptik ein, provoziert Berührung nicht als Aneignung, sondern als Mitgestaltung. Jede Spur, jede Berührung, jede zaghafte oder entschlossene Geste wird zur Einschreibung in den Leib des Werkes. In der Berührung manifestiert sich Bewegung – nicht bloß die Bewegung der Hand, sondern eine Bewegung der Zeit, der Zuneigung, des Zögerns, des Begehrens. Die Skulptur wird zum Ereignisfeld.

ALMA entwickelt sich

Das Werk ist nicht abgeschlossen – es ist offen. Es antwortet auf den Körper des anderen. Es speichert Spuren. Es prägt sich ein – und wird geprägt. Die entstehende Topografie ist nicht festgelegt, sondern prozessual: Berührung erzeugt Lieblingsstellen, Abnutzungen, Glanzzonen – feine Archive der Zuwendung. Das Werk entwickelt eine eigene Biografie.

Sie ist dynamisch

In diesem Sinne ist ALMA ein dynamisches Prinzip der Verkörperung: Die Form erhebt sich nicht statisch, sondern als Welle – als Geste des Werdens, als Raum des Atems, als plastischer Lebensraum. Die Skulptur lebt in der Spur. Und in der Spur lebt der Moment, in dem sich die Welt berührt und verändert.

Die Berührbarkeit ist hier nicht bloß erlaubt, sie ist konstitutiv. Der Tastsinn wird zur epistemologischen Kategorie. Das Werk begreift sich nicht als Objekt, sondern als lebendiges System von Rückkopplungen, als Dialogfeld zwischen Körpern, als plastisches Denken in Spuren.

Im Lauf der Zeit

ALMA ist in diesem Sinne nicht das Werk an sich, sondern das Werk im Vollzug. Nicht der fixierte Ausdruck, sondern der Ausdruck, der sich im Kontakt entfaltet. So wird ALMA zur plastischen Manifestation einer offenen, sich verändernden Welt: eine bewegliche Seele, deren Form nicht im Material, sondern im Austausch mit dem Anderen gegründet ist.

Übergabe an die Henri Benthack Stiftung - 2025